Der Handel der Zukunft

Der Handel der Zukunft

Do, 17/05/2018 - 11:11
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Wie sieht der Handel von morgen aus? Und welche Chancen eröffnen sich für Südtirol? Ein Interview mit Marta Kwiatkowski Schenk. Sie ist Forscherin in der Schweiz. Gestern (16.Mai) war sie als Referentin bei der Hauptversammlung des hds – Handels- und Dienstleistungsverbands Südtirol geladen.

Marta Kwiatkowski Schenk ist seit vier Jahren Trendforscherin beim GDI Gottlieb Duttweiler Institute. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Veränderungen und entwickelt Zukunftszenarien in ganz unterschiedlichen Bereichen – von Verhaltungsweisen zur Mobilität, Gesundheit bis hin zum Handel. Im Interview spricht sie über den Handel der Zukunft.

Wie sieht der Handel von morgen aus?

Der Handel wird sich sehr stark verändern. Eine entscheidende Rolle spielt hier die Digitalisierung. Sie führt vor allem zu strukturellen Veränderungen. Der Konsument konsumiert anders, weil er einen anderen Zugang zu den Produkten hat. Er kann 24 Stunden am Tag einkaufen und muss sich nicht auf das Sortiment im Geschäft beschränken. Diese Möglichkeit verändert den Handel deutlich. In einem Strukturwandel befindet sich der Handel eigentlich schon länger; die Tagesabläufe sind deutlich flexibler geworden, wie wir arbeiten, wie unsere Familienstruktur aussieht. Es wird wieder öfter täglich in kleineren Mengen eingekauft und es wird mehr Wert darauf gelegt, frische und gesunde Produkte zu erwerben. Die Globalisierung löst die Sehnsucht nach dem authentischen, nach dem haptischen Erlebnis aus. In dem Sinne ist Südtirol schon ein gutes Vorbild, weil es ein Marktfeeling schon in der DNA verkörpert. Dieses Erlebnis, am Wochenende auf den Markt zu gehen, sich Geschichten zu den Produkten erzählen zu lassen und darüber Bescheid zu wissen, ist ein neuer Luxus.

Es wird also immer wichtiger das Produkt zu erleben? So kann man sich auch vom Online-Handel abheben?

Wir beobachten schon heute, in der Art, wie die Läden eingerichtet werden, dass neue hybride Konzepte angewandt werden. Sie sind nicht monothematisch angelegt und in einem Kleidungsgeschäft kann beispielsweise eine Bar oder eine Kunstgalerie integriert sein. Bei Tag kann ein Geschäft beispielsweise Yogamatten verkaufen und abends können im Laden Yogastunden angeboten werden. Die Hybridität der Konzepte nimmt eindeutig zu.

Sie haben auch davon gesprochen, dass die Digitalisierung eine wichtige Rolle im Handel spielt. Kann es für Läden interessant sein, Technologien zu integrieren?

Auf jeden Fall. Auch hier gibt es spannende Beispiele. In Zunkunft wird der Laden vermutlich kaum mehr ein Lager mit allen Größen und Farben haben. Er wird mehr in Form eines Schaufensters und Erlebnisorts genutzt werden, um die Produkte anzusehen. Sie können dann direkt bestellt und nach Hause geliefert werden. Die Themen Bestellen und Liefern nehmen eine ganz neue Dimension an. Außerdem kann im stationären Handel die erweiterte Realität (Augmented Reality) angewandt werden, weil so viel leichter individuelle Erlebnisse geschaffen werden können.

Wie sieht das Geschäft der Zukunft aus?

Es gibt kein einheitliches Modell. Die Läden werden sich aber sicherlich verändern. Beispielsweise wird es Geschäfte geben, wo Produkte nur noch abgeholt werden und der Zahlungsprozess ohne Kasse automatisiert über die Kreditkarte erfolgt. In Asien kann man sogar schon mittels Gesichtserkennung zahlen. Es wird sicherlich mehr hybride Konzepte geben, die zwischen Erlebnis, Event und Produktkauf changieren. Online- und der stationäre Handel verschmelzen zunehmend. Der Konsument ist immer mehr online, immer mobiler. Das verändert die Vernetzung und Verbindung von off- und online. Die Trennung zwischen diesen beiden Welten wird es immer weniger geben.

Wird die Kommunikation über verschiedene Kanäle also immer wichtiger?

Ja, der Kunde kommuniziert über viele verschiedene Kanäle, beispielsweise über Instagram, Messenger oder interagiert mit einer App. Die Instagramibilität hat auch Konsequenzen auf die Produkte und wie sie präsentiert werden. Mittlerweile gibt es sogar Restaurants die sich darauf ausrichten, dass sie online, wenn sie fotografiert werden, gut aussehen. Die Vermarktung in den Sozialen Netzwerken nimmt generell einen immer höheren Stellenwert im Handel ein.

Es wird auch Shops ohne Verkäufer geben?

Es wird auf jeden Fall Veränderungen geben. Jobs werden wegfallen, aber auch neue werden entstehen, die wir heute noch nicht kennen. Zum Beispiel das Konzept eines Influencers war vor kurzem noch nicht bekannt, heute kann damit gut Geld verdient werden, wenn man erfolgreich ist. Dass es den klassischen Verkäufer so nicht mehr geben wird, ist absehbar.

Welche Chancen bieten sich für den Südtiroler Handel?

Vieles ist schon gut aufgesetzt, im Sinne, dass der Südtiroler Handel seine Einzigartigkeit bewahrt. Er ist heute schon nicht nur von großen Ketten bedient und bietet schon lokale Produkte an. Das entspricht sozusagen dem Gegentrend zur Globalisierung und Digitalisierung, dass wir das Lokale und Haptische schätzen. Das Wissen um die Machart eines Produktes wird quasi zu einem neuen Luxus in einer Gesellschaft, die eine neue Form des Status auslebt. Das ist eine gute Ausgangslage. Dieses Konzept lässt sich gut mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung verbinden. Dass dies aktuell gut ankommt, erkennt man auch daran, dass das Konzept in großen Städten mit den Markthallenkonzepten wieder stark im Kommen ist.

 

 

Credits
GDI Gottlieb Duttweiler Institute